Vorwort Howard Marks


Als mich mein deutscher Verleger, Frank Steffan, bat für das Buch „Jamaika-Mike“ ein Vorwort zu schreiben, war ich spontan dazu bereit. Erst recht war ich dazu bereit, als ich Näheres über den Autor und den Inhalt des Buches erfuhr. Ich habe viele Gemeinsamkeiten entdeckt. Michael Weigelt war von Jamaika fasziniert. Nicht nur von der Landschaft, auch von den Menschen und der Mentalität. So ging es mir auch. Im Gegensatz zu mir, begann er mit Jamaikanern zu dealen bzw. er schloss sich einer dortigen Schmuggelorganisation nach und nach immer mehr an. Was er dort erlebte, war teilweise witzig, abenteuerlich und fast immer auf des Messers Schneide. So ist das nun mal im Drogenbusiness. Jede Lebensgeschichte ist anders, aber wenn man bestimmte Details bei Drogendeals nimmt, so hat man stets sein Deja vue. Man kennt das, ganz gleich, ob es um Dope oder Koks geht, ob es Kilos oder Tonnen sind.

Erstaunlicherweise habe ich mit Jamaika erst nach meiner Dealerkarriere unmittelbar zu tun bekommen. Ich habe nie von Jamaika aus Dope in andere Länder geschmuggelt oder mit jamaikanischen Organisationen geschäftlich zu tun gehabt. Gleichwohl wusste ich von solchen Organisationen. Ich wusste auch, dass Jamaika ein Umschlagplatz für Koks ist, allerdings entwickelte sich das erst im ganz großen Stil, als ich bereits einsaß. Dass Michael Weigelt überhaupt in diese Zirkel hineingekommen ist, spricht für seine Cleverness und Anpassungsfähigkeit. Jamaika als Zwischenstation des internationalen Kokainhandels zwischen Kolumbien und Europa ist bisher nur Insidern bekannt, um so spannender ist ein solcher Tatsachenbericht von jemandem, der dabei war. Ich selbst habe später, als ich wieder mal in Jamaika war und für mein Buch „Senor Nice“ nach dem alten, walisischen Piraten Henry Morgan recherchierte, in einem wunderbaren Restaurant am Meer gesessen und wenige Meter von mir entfernt saßen ein paar kolumbianische Drogenbarone, die dort ihre Deals besprachen. Die Situation hatte was, muss ich sagen.

Jamaika ist wirklich ein ganz spezieller Flecken Erde. Auch das kommt in diesem Buch deutlich rüber, wird detailreich und liebevoll beschrieben. So muss das auch sein, denn mir sind schon viele Menschen begegnet, aber noch nie so freundliche wie auf den Ganja-Plantagen in den Hochlagen Jamaikas, wo Rastas mit das weltbeste Marihuana anbauen. Teilweise rein für den privaten Gebrauch, teilweise aber auch hochgradig kommerziell. Bei aller Gefahr, der sie dort auch ausgesetzt sind, haben sie sich ein fast schon atemberaubendes Grundvertrauen in das Gute im Menschen bewahrt. Das war umwerfend und es gibt Anlass zu Optimismus. Die Rasta-Bewegung ist gewissermaßen die Ideologie Jamaikas. Sie stiftet Identität. Was mich an der Rasta-Bewegung vor allem fasziniert, ist ihre Vielfältigkeit. Nicht alle Rastas tragen Dreadlocks, nicht alle sind Vegetarier. Sie lesen nicht alle die Bibel, sind nicht allesamt ihren Frauen treu und nicht alle hören Reggae-Musik. Der Glaube der Rastafaris kennt keine Kirchen und ist in Jamaika nicht als Religion anerkannt, es handelt sich vielmehr um einen geistigen und seelischen Zustand, den man durch wachsenden Glauben erlangen kann. Dieses Unkonventionelle und diese geistige Unabhängigkeit – bei allen durchaus auch paradoxen Seiten der Rastas – machen es in meinen Augen so interessant sich damit zu beschäftigen. Auch in diese Dinge gibt „Jamaika-Mike“ interessante Einblicke.

Ein ebenso wichtiger Aspekt des Buches, ist die realistische Darstellung des Geschäfts mitsamt seinen Hintergründen, die auf diese Weise klarer werden. So lange die 3. Welt in den beschriebenen, extrem ärmlichen Verhältnissen lebt, werden sich immer wieder Menschen finden, die gut funktionierende Drogenschmuggelorganisationen bilden. Der Deutsche Michael Weigelt ist das beste Beispiel dafür, wie pure Not, wie Hunger und Angst, die auf Jamaika allgegenwärtig sind dazu führen Drogen nach Europa zu schmuggeln. Doch auch das ist nur eine Seite der Medaille. Ohne Konsumenten in den westlichen Ländern kein Handel. Woher kommen die Konsumenten und wieso konsumieren sie? All diese Fragen werden bei denen, die sich gesellschaftspolitisch damit beschäftigen nur höchst selten gestellt. Die Antworten sind in der Regel so dumm wie einfach: Verschärfte Grenzkontrollen, Abflammen von Plantagen, Einsatz von Technik aller Art, mehr und mehr Manpower um der Sache Herr zu werden bzw. um das Ganze zu unterbinden.

Ich sage stattdessen aus Erfahrung: so lange man nicht alle Konsumenten umbringt, wird man das Problem nicht lösen und selbst diese Radikallösung schützt nicht vor nachwachsenden Konsumentenschichten. Leute wie ich haben von diesem Unfug gut gelebt, Michael Weigelt zeitweilig auch. Erst wenn das (vielleicht) irgendwann mal verstanden wird, dann könnte sich was lösen. Vorher sicherlich nicht, denn nur eine intelligente Legalisierung von Drogen kann nachhaltig und positiv verändern. Heute, wo diese Zeilen geschrieben werden, ist die Situation im Legalisierungskampf mal wieder ausgesprochen ambivalent. Einerseits gibt es positive Ansätze wie die Volksabstimmung in Kalifornien zur vollständigen Freigabe von Marihuana zeigt, denn nicht viel hätte gefehlt und das unmöglich Erscheinende hätte funktioniert. In manchen osteuropäischen Staaten lockern sich die Bestimmungen, der Heimanbau in allen Ländern nimmt riesige Formen an und trocknet die Gewinnmargen von Straßendealern aus, aber insgesamt bewegen wir uns wieder in eine bedenkliche Richtung. Verbotsfetischisten sind auf dem Vormarsch. Speziell die Hanfszene darf sich nichts vormachen: Es sind die selben Leute, die normalen Tabak am liebsten als Teufelszeug verbieten würden, auch alles daran setzen und auf diesem Weg teilweise unglaubliche Erfolge feiern und gleichzeitig Marihuana strickt illegal halten wollen. Von anderen Drogen ganz zu schweigen. Man darf sich da nichts vormachen! Diese Verbotsapostel bestimmen immer mehr auch in Europa die öffentliche Meinung, was verheerend ist. Man muss sich dagegen wehren, unbedingt.

Auch unter diesem Aspekt ist dieses Buch gut und wertvoll. Ich hoffe sehr, dass ich Michael Weigelt bald persönlich kennenlerne, spätestens dann, wenn der Kinofilm „Mr. Nice“ in die deutschen Kinos kommt und ich an mehreren Premierenveranstaltungen teilnehmen werde.
Ich wünsche „Jamaika-Mike“ viel Erfolg!


Howard Marks, im Juni 2011