Auszug aus Kapitel
„Der Deal“

Seite 45 ff

Eine Viertelstunde später saßen wir an Tonys Bar. Er begrüßte uns, als seien wir seine besten Freunde und der Zwischenfall vor ein paar Tagen niemals passiert. Nachdem er uns zwei Red Stripe zuschob, stellte er uns zwei Männern namens Paul und Michael vor.
Paul war ein großer, gut gekleideter Jamaikaner mit einer hellen Brauntönung, etwa Mitte 30. Seine Haare waren kurz geschnitten und er strahlte die ruhige Gelassenheit eines Geschäftsmannes aus. Auf den ersten Blick machte er nicht den Eindruck ein gefährlicher Drogendealer zu sein. Seine Gesichtszüge waren weich, er selber umgänglich und selbstbewusst.

Michael war noch größer. Seine Hautfarbe war wesentlich dunkler als die von Paul und er war sportlich durchtrainiert. Ich schätzte ihn etwa fünf Jahre jünger. Auch er hatte kurz geschnittenes Haar, doch durch eine goldene Raute auf seinem Schneidezahn, erweckte er schon eher den Eindruck, er könnte ein Gangster sein. Beide trugen Goldketten und teure Armbanduhren; allerdings dezent, nicht wie viele ihrer Kollegen, die sich mit Gold und Klunkern behängen. Paul war offensichtlich der Boss und nachdem wir das Anfangsgeplänkel hinter uns hatten, fragte er Tony nach einem ruhigen Plätzchen, wo wir uns ungestört unterhalten könnten. Tony führte uns zu einer provisorischen Feuerstelle, die sich zwischen der Bar und dem Haus befand. Ein großer Baumstamm lag unmittelbar daneben und Anja und ich nahmen darauf Platz. Da Paul sich seine guten Klamotten nicht ruinieren wollte, forderte er Tony auf, ihm ein paar Stühle zu bringen.

Zugegeben, so hatte ich mir wahrlich keinen Drogenbaron vorgestellt, doch ich merkte damals schon, dass er es gewohnt war, Befehle zu erteilen. Keiner seiner jamaikanischen Brüder wagte es, diese in Frage zu stellen, geschweige denn sie nicht zu befolgen. Er war nett, zuvorkommend und er hatte Manieren, keine Frage, aber irgendetwas an seiner ganzen Art riet mir zur Vorsicht. Zu Anja war er charmant, bei mir reagierte er auf Fragen oder Wünsche betont verständnisvoll. Seine Wesenszüge waren schon fast europäisch, aber sein Handeln zu kalkuliert, um seiner wahren Natur entsprechen zu können.
Also saßen wir in einem kleinen, verruchten Viertel von Negril, in einer verborgenen Seitenstraße, im hinteren Teil von Tonys Grundstück mit zwei waschechten Drogenschiebern der oberen Kategorie. Zwischen den Palmenblättern brachen an einigen Stellen Sonnenstrahlen bis zum Boden durch und verliehen dem Ganzen ein leicht gespenstiges Szenario. Trotz des Schattens war es brütend heiß. Moskitos schwirrten um uns herum und wir waren dankbar als Peter mit dem eiskalten Bier ankam. Paul nickte Peter zu, sagte ihm, dass er ein Bier auf seine Kosten trinken könne und signalisierte ihm zu verschwinden. Dann wandte er sich uns zu:

„Was wisst Ihr bis jetzt über das Geschäft?“
„Nur so viel, dass es um ein Drogengeschäft nach Europa geht“, antwortete ich Paul.
„Richtig, ich brauche eine Person, die eine präparierte Reisetasche nach London transportiert“, erklärte er uns.
„Und was ist in der Tasche drin?“, fragte ich ihn.
„Etwa ein Kilogramm Kokain“, beantwortete er meine Frage, indem er seine Stimme ein wenig senkte. Ich zog beide Augenbrauen nach oben und schaute zu Anja, die lediglich verwirrt drein schaute und ehrfürchtig „Ein ganzes Kilo“ murmelte. Paul ließ das Gesagte ein wenig sacken, bevor er seine nächste Frage stellte:

„Tony sagte mir, dass Ihr erst seit April in Jamaika lebt. Was habt Ihr für Ziele, was wollt Ihr hier aufbauen?“
„Irgendwas im Touristikbereich, Touren mit Urlaubern organisieren, oder so“, erklärte ich ihm.
„Schon mal überlegt, wie lange Ihr brauchen würdet, um in der Lage zu sein, dies eigenständig zu betreiben?“, wollte er wissen.
„Na mit Sicherheit zwei, drei Jahre, wenn es bei dem jetzigen Gehalt bleibt“, sagte ich.
„Du arbeitest bei Tourwise; was verdient man denn dort so im Monat“, wollte Paul wissen.
Ich sagte es ihm. Nun war er derjenige, der die Augenbrauen hochzog.

„Nun, das ist ja nicht viel mehr als ein Taschengeld. Euer mitgebrachtes Geld scheint auch zur Neige zu gehen. Ich habe gehört, dass Ihr vor ein paar Tagen ein paar gebrauchte Sachen auf der Straße verkauft habt. Das finde ich echt mutig, allerdings ohne ein gewisses Kapital hat man es als Weißer doppelt so schwer in Jamaika.“
„Ja, das haben wir auch schon gemerkt“, erwiderte ich nur.
Paul hatte verdammt viel über uns gehört. Er war ein geschickter Taktiker, keine Frage. Durch seine Fragen legte er unsere derzeitige Situation gnadenlos offen.

Es war schon ein seltsames Gefühl. Ich kam mir vor, als ob ich inmitten eines Filmes gelandet wäre. Wir saßen in einer entlegenen Ecke mit einem waschechten Drogenbaron zusammen und unterhielten uns über einen Deal, von dem ich keine Ahnung hatte. Alle Alarmglocken fingen an zu klingeln, doch ich war neugierig geworden und wollte mehr über diese Sache erfahren. Ich nahm einen Schluck aus meiner Flasche und wartete auf Paul's nächsten Schritt.

„Was würdet Ihr brauchen, um in der Touristenbranche selbständig Fuß fassen zu können?“, fragte er uns.
„Nun, ein kleiner Bus wäre für den Anfang wohl ausreichend, dann Versicherung, Lizenz und ein paar Flyer und Visitenkarten, die wir in den Hotels und Pensionen verteilen würden“, erklärte ich ihm.
„Ich sehe Du hast Dir schon einige Gedanken gemacht. Das schätze ich so an Euch Europäern. Meine Landsleute leben da zu sehr in den Tag hinein.“
Dabei drehte er sich zu Michael um, der bis jetzt nur still da saß und zugehört hatte:
„Pass gut auf, da kannst Du noch was lernen. So bereitet man sich auf ein Geschäft vor.“
Michael nickte mir anerkennend zu und sagte nur „cute“, was so viel wie genial heißt.
„Schon mal umgehört, was ein guter, gebrauchter Bus kosten würde?“, fragte Paul weiter.

Nun war es an mir, ein wenig zu taktieren. Natürlich war ich nervös, aber eine meiner Eigenschaften ist, dass ich in brenzligen Situationen meistens gelassen bleibe. Für 150.000 Jamaika-Dollar bekam man schon etwas Vernünftiges, zwar schon ein wenig älter, aber es musste nicht gleich nach einem Monat wieder in die Werkstatt wandern. Doch zu Paul sagte ich:
„Für 300.000 könnte man schon einen guten Gebrauchten bekommen, glaube ich“, wobei ich ihn fragend anschaute. Es war keine Reaktion in seinem Gesicht zu erkennen. Er überlegte nur ein wenig länger als üblich, bevor er lächelnd erwiderte:
„Also, ich würde als Kurierlohn 10.000 Pfund Sterling bezahlen. Wären damit eure Kosten abgedeckt?“

Nun war es an mir ein wenig länger zu überlegen bevor ich antwortete:
„Der Preis ist gut“, entgegnete ich, nachdem ich nachgerechnet hatte, über wie viel Geld wir redeten. 10.000 britische Pfund waren etwa 600.000 Jamaika-Dollar oder aber 30.000 DM. Das war verdammt viel Moos für fünfzehn Minuten „Nervenkitzel“ am Flughafenzoll. Ich hatte zwar keine Ahnung, wie viel man mit einem Kilogramm Kokain verdiente, aber der Lohn schien mir doch ein wenig überzogen, was ich Paul auch unverblümt mitteilte.
„Ich bin in dem Geschäft, seitdem ich acht Jahre alt bin und bezahle meine Leute immer gut. Ich hab die Erfahrung gemacht, dass gut verdienende, zufriedene Mitarbeiter auf keine dummen Gedanken kommen und nicht versuchen einen zu hintergehen oder anderweitig Geld zu machen. Es nutzt keinem etwas, wenn durch irgendwelche Alleingänge, die Ware in Gefahr gerät oder sogar verloren geht. Deswegen die hohe Bezahlung“, erklärte mir Paul.
„Besteht überhaupt ein generelles Interesse bei Euch? Es macht ja keinen Sinn über etwas zu sprechen, was Ihr vielleicht gar nicht machen wollt. Ich möchte meine Zeit nicht unnütz vertun, so sehr ich mich auch darüber freue, Eure Bekanntschaft zu machen. Also wie denkt ihr über mein Angebot?“

Paul setzte uns gewissermaßen die Pistole auf die Brust, aber ich konnte ihn auch verstehen. Warum sollte er Geheimnisse preisgeben, wenn wir eh Nein sagen würden? Wir waren an einem Punkt angekommen, wo es allerhöchste Eisenbahn war auszusteigen, sich für das Bier zu bedanken und wieder nach Hause zu trotten. All dies kam mir so unwirklich vor, aber es war real. Wir hatten die Chance in ein paar Wochen alle Sorgen und Nöte hinter uns zu lassen und Herr unser selbst zu sein.
Nach kurzer Absprache mit Anja bekundeten wir unser Interesse. In diesem Moment war ich naiver Weise noch der Meinung, alles unter Kontrolle zu haben und jederzeit aussteigen zu können.




Auszug aus Kapitel
„Pauls Angebot“

Seite 71 ff

Er bot mir an, das Geschäft fortzuführen, wobei wir uns mit einem Drittel an den Kosten beteiligen sollten. Pro Kurier sollten wir den Erlös aus einem Kilo Koks erhalten. Dieser sollte maximal drei Kilo mit sich führen und nicht öfters als zweimal im Jahr eingesetzt werden. Natürlich war sein Angebot nicht aus reiner Nächstenliebe entstanden. Wir sollten die Kuriere stellen und die Organisation und Koordination der Drogentransporte von Europa nach Jamaika und zurück nach England managen. Die Beschaffung, Verpackung, Betreuung in Jamaika und der Verkauf in London waren die Aufgaben der Organisation. Das war das Angebot. Um mehr zu erfahren, fragte ich ihn nach der Quelle des Kokains und vor allen Dingen, wie der Transport nach Jamaika ablief. Paul erklärte mir, dass er Anfang der 90er nach Bogota und dann weiter nach Cali geflogen war, um dort bessere Preise und rentablere Transportwege von Kolumbien nach Jamaika auszuhandeln. Michael, der ihn begleitete, war jedoch dazu verdammt im Hotelzimmer auf die Rückkehr von ihm zu warten. Paul wurde von drei schwer bewaffneten Kolumbianern abgeholt und in einem offenen Jeep ging es durch die Stadt. Sie passierten Straßensperren und sahen Männer in Tarnuniformen mit Schnellfeuerwaffen im Anschlag. Paul gestand mir, dass er damals das erste Mal richtig Schiss hatte und um sein Leben bangte. Nachdem man die Stadt hinter sich gelassen hatte, ging es raus aufs Land. Paul wurde auf eine eindrucksvolle Hazienda gebracht, wo ihn ein gut gekleideter Kolumbianer, der für die Transporte von Kokain in die Karibik zuständig war, empfing.

Durch die Rivalität zum Medellin-Kartell waren potenzielle Abnehmer des Cali-Kokains durchaus willkommen. Zu der Zeit war der Machtkampf zwischen dem Medellin- und dem Cali-Kartell auf seinem Höhepunkt. Das Cali-Kartell, in den 70ern von Gilberto Rodriguez Orejuela, seinem Bruder Miguel und José Santacruz Londoño gegründet, war ein Zusammenschluss verschiedener Kokainproduzenten. Sie unterstützten die paramilitärische Los Pepes (Perseguidos par Pablo Escobar – Verfolgte von Pablo Escobar) und versorgten die amerikanische DEA mit Infos über Aktivitäten von Escobar und seinem Medellin-Kartell. Los Pepes schaltete gezielt Escobars Kommandostände, Geschäfte, sowie seine Leutnants aus. Mit Hilfe der kolumbianischen Regierung, der DEA und nicht zuletzt Los Pepes zerschlug das Cali-Kartell das Medellin-Kartell und Pablo Escobar wurde schließlich auf der Flucht erschossen. Die Cali-Führer waren gewiefte Geschäftsleute. Sie investierten massiv in politischen Schutz und kauften ganze Landstriche. Über den Zeitraum einer Dekade haben der frühere kolumbianische Präsident Ernesto Samper und Hunderte Kongressabgeordnete und Senatoren von den Orejuala Brüdern großzügige Wahlkampfspenden angenommen.

Mitte der 90er wurden die Führer des Cali-Kartell allerdings aufgespürt und zu langen Haftstrafen verurteilt. Viele Experten glauben, dass sie mit der kolumbianischen Regierung einen Deal ausgehandelt haben. Die Regierung sicherte ihnen zu, dass die Führungsriege nicht an die USA abgeschoben wird. DEA-Agenten gehen davon aus, dass sie ihr Imperium nach wie vor aus dem Gefängnis heraus leiten.
Nach der Zerstörung von Cali- und Medellin-Kartell erkannten junge Offiziere, dass große Organisationen zwangsläufig angreifbarer für US- und kolumbianische Behörden waren. Aus diesem Grunde bildeten sie weit kleinere, viel schwerer einsehbare Gruppen, die völlig autark zu arbeiten vermochten. Die kolumbianische Polizei und die DEA glauben, dass heute mehr als 300 aktive Drogenschmuggel-Organistionen in Kolumbien operieren. Das Kokain wird in jede Industrienation der Welt verschifft und die Gewinne sind nach wie vor gigantisch hoch.

Ähnlich war auch die jamaikanische Organisation, mit Paul als Boss als dezentrale Gruppe aufgebaut. Nur das sie nicht selber Kokain anbaute bzw. produzierte. Paul überließ man bestimmte Mengen zu einem guten Preis. Dieser lag locker unter der Hälfte des Preises, den man in Jamaika für ein Kilogramm auf den Tisch legen musste. Auch der Transportweg wurde ausführlich besprochen. Die kostengünstigste und zumal auch sicherste Lösung für die Kolumbianer, das Kokain zu den Umschlagplätzen zu bringen, lag auf dem Wasserweg. Das fertig verpackte Kokain gelangte über den Landweg zu den Küsten im Norden Kolumbiens. Dort wird die Ware in Speedboote verfrachtet und entlang der Küste Richtung Norden in die USA gebracht oder zu den karibischen Inseln, von wo es dann nach Europa weitergeleitet wird. Die meisten Dealer-Boote nutzen die kubanischen Gewässer, da sie genau wissen das die US-Coast-Guard-Einheiten nicht in die 12-Meilen-Zone, die Hoheitsgewässer von Kuba eindringen dürfen. Die Speedboote sind etwa 10-15 Meter lang und mit zwei oder mehreren Motoren ausgerüstet. Die Boote sind bis zu 70 Knoten schnell und können Ladungen bis zu 1500 Kilo transportieren. Diese langen, schlanken Boote bestehen aus Kunststoff- oder Fieberglas, um das Oberflächen-Suchradar zu verwirren oder gar auszutricksen. Die Boote sind viel wendiger und schneller als die meisten Schiffe der Küstenwache. Nur eine rauhe See kann sie behindert. Bis zu 1000 PS haben die Außenbordmotoren. Bestückt mit mehreren Fässern Treibstoff und Schmieröl können die Schnellboote bis zu 700 Meilen bei durchschnittlich 25 Knoten zurücklegen. Die Boote haben weder Flaggen, noch Zahlen oder sonstige Kennzeichnungen. Meistens werden sie in den Farben des Ozeans lackiert, um es schwieriger zu machen, sie aus der Luft zu entdecken.

Im Schutz der Dunkelheit sind die Anlaufstationen Black River, St. Margarat´s Bay, Belmont, Yallahs, Rocky Point oder andere Stellen der 1022 km Küstenlinie Jamaikas. Man schätzt, dass circa 70-100 Tonnen Kokain jährlich auf Jamaika umgeschlagen werden. Mit solchen Mengen ist man die Nr.1 in der Karibik.
Paul war heilfroh, als er zurück in seinem Hotelzimmer in Cali war. Der Deal hatte geklappt. Man hatte ihn und Michael unbehelligt abfliegen lassen, aber die äußeren Umstände des Besuchs hatten ihn dazu bewogen, nie wieder nach Kolumbien zu fahren. Mittlerweile schlossen sich auch verschiedene, kleinere jamaikanische Kokainschmuggler zusammen, um sich die Kosten größerer Lieferungen per Speedboot aus Kolumbien zu teilen. Aber nicht nur Speedboote, sondern sogar kleine U-Boote, aber genauso auch Fischerboote werden heute, wie vor zehn Jahren, als Transportmittel genutzt. Ein Speedboot kann die Strecke zwischen Kolumbien und Jamaika und zurück unter einem Tag schaffen. Die Boote können fast jede US- oder jamaikanische Defence-Force-Coast-Guard-Einheite überholen oder ausmanövrieren.

Seit jenem Treffen in Kolumbien hatte die Organisation, mit der ich es zu tun hatte, auf jeden Fall feste Vereinbarungen mit dem Cali-Kartell laufen.




Auszug aus Kapitel
„Das Amtshilfeersuchen“

Seite 192 ff

Was mich immer an der Korruption von Jamaika fasziniert, ist die korrekte Vorgehensweise der Beamten. Rein theoretisch hätten sich die beiden auch die 1.000 Dollar einstecken und mich trotzdem den deutschen Behörden ausliefern können. Auch wenn man in Jamaika mit dem Auto in eine Kontrolle gerät und die Polizisten illegale Drogen finden, geben sie einem diese nach der Bezahlung eines kleinen Schmiergeldes wieder zurück. Es wäre ja möglich in einer anderen Kontrolle wieder angehalten zu werden und die Kollegen können mit Sicherheit auch ein wenig zusätzliches Geld gebrauchen.
Ich erklärte Philipp was auf unserer kleinen Autofahrt alles passiert war. Man konnte spüren, wie sich bei ihm Erleichterung einstellte. Obwohl es noch relativ früh am Tag war, bauten wir uns erstmal ein riesiges Tütchen auf den Schock, wobei das Mischungsverhältnis von Tabak zu Gras etwa bei eins zu vier lag. Die Welt war wieder in Ordnung und der Rest des Urlaubs sollte ohne Komplikationen verlaufen.

Ohne Komplikationen stimmt jedoch nicht so ganz. Was man mit jamaikanischen Ordnungshütern durchaus erleben kann, zeigt die Geschichte, die sich während Philipps Urlaub kurz darauf zutrug: Für unseren Eigenverbrauch hatte ich zusammen mit meinen Rastakumpels Tay und Jackie eine kleine Ganja-Plantage im Urwald angelegt. Wir hatten mal wieder geerntet und Tay wollte einen ganzen Sack mit abgeernteten Blüten zum Yard bringen. Dabei lief er blöderweise einer Polizeistreife direkt in die Arme. Die Cops nahmen ihm den Sack ab, verhafteten ihn und brachten ihn zur nächsten Polizeistation. Tay war für uns spurlos verschwunden. Als er auch nach Stunden nicht auftauchte, wir uns absolut keinen Reim auf sein Verschwinden machen konnten, entschlossen wir uns, zur besagten Polizeistation zu gehen um entweder nachzufragen, ob man dort Näheres weiß und falls nicht, um eine Vermisstenanzeige aufzugeben. Als ich mit Jackie dort ankam, war der Eingangsbereich leer. Kein Cop hinter dem Schalter. Wir hörten allerdings aus einem Büroraum immer wieder Gelächter. Als sich auch nach einer ganzen Weile niemand blicken ließ, entschlossen wir uns zu dem Raum zu gehen. Ich klopfte sachte an. Nach einer gefühlten Ewigkeit riss ein leicht irritiert dreinblickender Bulle die Tür auf.

„Guten Tag, wir möchten vielleicht eine Vermisstenanzeige aufgeben“, sagte ich, unwissend, dass es so was wie Vermisstenanzeigen auf Jamaika nicht gibt.
„Aha!“ gab der Bulle zurück und glotzte mich nur an.
„Ja, wo können wir das machen?“ fragte ich nun recht verwirrt, nachdem der Mann einfach nur starr und reglos stehen blieb.
„Wo Sie wollen …“ prustete der Bulle unvermittelt los und konnte sich kaum noch vor Lachen halten.
Das war ja mal ein witziges Revier, dachte ich mir, aber die Sorge um Tay brachte mich dazu nicht auch noch loszulachen. Jetzt brauchten wir mal behördliche Hilfe und die lachten sich kaputt! Kaum zu glauben.

„Hm, kommt doch einfach reinspaziert … hicks … hier ist immer was los! Hicks … Partytime!“
Ich dachte, ich hör nicht recht. Der Cop war schwer besoffen. Die Tür zum Büro flog auf und was wir dann sahen toppte einfach alles. In der Mitte des Raumes stand ein riesiger Tisch, daneben der Sack mit unserem Ganja, auf einem Stuhl noch ein anderer Bulle, der sich gerade Rum in ein Glas schüttete und daneben … Tay!!! Unser Freund war so stoned, dass er kaum noch aus den Augen gucken konnte! Er saß zwar, wankte aber in seiner Ganjawolke ständig von einer Seite zur anderen, fiel fast vom Stuhl und rief uns zu:
„Ey, Mikel, hey Jac … Jack … Jackie … alles ist okay, guys, alles cool, setzt Euch doch …“
Eine skurrilere Situation hatte ich bis dahin noch nicht gesehen. Zwei völlig besoffene Bullen, ein völlig bekiffter Rasta in einer kleinen Polizeistation, abends auf Jamaika! Mir war wohl klar, dass hier irgendwas Außergewöhnliches passiert sein musste und tat deshalb so, als wenn nichts wäre.

„Echt cool hier, Leute“, sagte ich nur.
„Ja, setzt Euch“, presste der erste Bulle hervor und ergänzte: „Auch ein Schlückchen?“
„Na ja, kann ja nicht schaden. Gib schon her“, antwortete ich ihm.
Die Runde schien schon eine Weile zusammen zu hocken. Nachdem wir unsere Anstandsgläser geleert hatten, versuchte ich Tay und möglichst auch den Sack aus der Polizeistation zu bekommen.
„Mensch Tay, wir müssen jetzt aber wirklich zurück. Pack Deine Sachen und lass uns gehen“, rief ich ihm zu. Tay verstand scheinbar gar nichts mehr. Stattdessen meinte der Bulle:
„Das geht so aber nicht … einfach gehen …, nee, nee, nee“, er schüttelte übertrieben mit dem Kopf.
„Erst mal müssen wir den Sack noch checken!“, stammelte er. Er schmiss ihn auf den Tisch und schüttete den ganzen Inhalt auf die Platte. Dabei wankte er bedenklich. Er pfropfte dann wieder knapp die Hälfte der Blüten in den Sack zurück und reichte ihn Tay.
„So, jetzt sind wir quitt, mein Freund!“

Ich zog Tay aus dem Stuhl und drängte ihn zur Tür. Die beiden Bullen saßen weiter am Tisch, guckten sich an und lachten was das Zeug hielt.
„Also, Jungs, war nett, dass ihr hier ward … kommt doch bald mal wieder … auf Euch! Prost, bye, bye, kicher, kicher“ radebrechte der Uniformierte.
Erst am nächsten Tag, als Tay wieder halbwegs nüchtern war, konnten wir ihn „vernehmen“. Er erzählte uns davon, dass er den beiden in die Arme gelaufen war, aufs Revier mitgenommen wurde, die dortige Mannschaft wegen irgendeinem größeren Einsatz ausrücken musste. Das übrig gebliebene, verrückte Trio blieb im Haus, man begann ihn zu verhören und dabei stellte sich ganz schnell heraus, dass ein Bulle um drei Ecken mit Tay verwandt ist. Darauf stieß man an, drehte sich zig Spliffs und was daraus werden kann, das hatten wir live erlebt!